Autofahren mit Sehbehinderung

Dass man zum Führen eines Kfz nicht nur “im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte” sein muss, sondern auch über ein ausreichendes Seh- und Hörvermögen verfügen muss, leuchtet jedem ein. Nun gibt es allerdings Menschen mit gewissen Einschränkungen, zum Beispiel der Sehfähigkeit, die trotzdem Auto fahren wollen. Hierfür bestehen jedoch aus naheliegenden Gründen besondere und strenge gesetzliche Auflagen und Vorschriften.

Der Gesetzgeber erlaubt grundsätzlich auch Menschen mit einer Sehbehinderung, ein Kraftfahrzeug im Straßenverkehr zu führen. Er schreibt dazu allerdings wesentlich strengere Regelungen und Voraussetzungen vor als bei gesunden Kfz-Fahrern. Für die Sicherheit des Straßenverkehrs und der anderen Verkehrsteilnehmer ist es unerlässlich, dass der Fahrzeugführer die Verkehrssituation bzw. das Verkehrsgeschehen auch visuell/ mit seinem Sehapparat erfassen und beurteilen kann. Ist die Sehfähigkeit allerdings beeinträchtigt bzw. eingeschränkt, ist dies allerdings nicht ausreichend möglich. Daher müssen bei prinzipiell ausgleichbaren Beeinträchtigungen der Sehschärfe (beispielsweise Kurzsichtigkeit) entsprechende Sehhilfen (zum Beispiel eine Brille) gesetzlich verpflichtend getragen werden. Das Nichttragen einer Sehhilfe hat unter Umständen juristische Konsequenzen.

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Autofahren ohne Sehhilfe – welche Sanktionen drohen?

Ist aufgrund einer Sehschwäche das Tragen von Kontaktlinsen oder einer Brille erforderlich, erfolgt ein entsprechender Eintrag im Führerschein. Der Fahrer darf sich dann nur mit einer Sehhilfe hinter das Steuer setzen. Andernfalls ist unter Umständen die Verkehrssicherheit nicht mehr gegeben; daher ist Autofahren bzw. das Führen eines Kfz ohne Sehhilfe verboten. Der Gesetzgeber sieht für das Fahren ohne Sehhilfe bei entsprechenden Auflagen ein Verwarngeld in Höhe von 25 Euro vor. Je nach Einzelfall drohen allerdings auch härtere Strafen, zum Beispiel bei einem Unfall. Darüber hinaus hat die Polizei, etwa in einer Verkehrskontrolle, die Möglichkeit, Fahrzeugführern, die eine notwendige Sehhilfe überhaupt nicht mit sich führen, das Weiterfahren zu verbieten. Nicht zuletzt deswegen ist es ratsam, eine Ersatzsehhilfe (Ersatzkontaktlinsen oder Ersatzbrille) griffbereit im Fahrzeug zu haben, zum Beispiel im Handschuhfach. Im Falle, dass der Fahrer seine Sehhilfe vergisst oder verliert, hat er so Ersatz “zur Hand”.

Autofahren mit Sehbehinderung – gesetzliche Rahmenbedingungen

Die gesetzlichen Vorschriften und Regelungen für das Führen eines Kfz bzw. für den Erwerb der Fahrerlaubnis sind in der Fahrerlaubnis-Verordnung (FeV) verankert. Demnach setzt der Gesetzgeber verschiedene körperliche und geistige Anforderungen – etwa für die Hör- und Sehfähigkeit – der Kfz-Fahrer bzw. Führerscheinbewerber voraus. So ist beispielsweise ein Sehtest bei einem Augenarzt oder Optiker noch im Vorfeld der Theoriestunden Pflicht. § 12 FeV legt als Mindestanforderung eine beidseitige Sehstärke (mit oder ohne Sehhilfe) von 70 % fest (also eine zentrale Tagessehschärfe von mindestens 0,7 pro Auge).

Bei Nichtbestehen des Sehtests muss der Betroffene eine augenärztliche Untersuchung absolvieren. Diese umfasst außer einer Überprüfung der Tagessehschärfe unter anderem eine Begutachtung des Dämmerungssehens sowie des Gesichtsfeldes. Um ein Kfz bzw. Auto im Straßenverkehr führen zu dürfen, müssen beide Augen oder das bessere Auge eine Mindestsehschärfe von 0,5 aufweisen (Anlage 6 zu §§ 12, 48 FeV).

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Autofahren mit einem Auge?

Einseitig erblindete Personen haben grundsätzlich die Möglichkeit, mit einem Auge Auto zu fahren; sie müssen dazu allerdings strenge Voraussetzungen erfüllen. Dazu zählt unter anderem eine verpflichtende augenärztliche Untersuchung zur Kontrolle der zentralen Tagessehschärfe, der Bewegungsfähigkeit (Motilität) des nicht betroffenen Auges sowie des Gesichtsfeldes. Ergibt die Untersuchung, dass

  • das gesunde Auge eine zentrale Tagessehschärfe von mindestens 0,5 hat
  • das Gesichtsfeld des gesunden Auges ausreichend groß ist (horizontal mindestens 120 Winkelgrad)
  • das zentrale Gesichtsfeld (bis 20 Winkelgrad) normal ist
  • die Augenbewegungen auf der gesunden Seite ausreichend möglich sind

ist das Autofahren bzw. der Erwerb der Fahrerlaubnis mit nur einem Auge erlaubt.

Im Falle einer negativen augenärztlichen Untersuchung muss der Betroffene eine weitere absolvieren. Gegenstand dieser weiterführenden Untersuchung ist unter anderem die Überprüfung des Dämmerungssehens und der Blendempfindlichkeit. Liegt sonst keine weitere Beeinträchtigung des Sehvermögens vor, darf sich der Betroffene nach einer erfolgreich absolvierten praktischen Fahrstunde hinter das Steuer setzen.

Bei Verlust der Sehfähigkeit auf einem Auge verpflichtet die FeV Betroffene, die bereits einen Führerschein bzw. eine Fahrerlaubnis innehaben, zum einen zu einer ärztlichen Untersuchung und einer entsprechenden Beratung. Zum anderen besteht eine Wartezeit von mindestens drei Monaten, bevor der Betroffene wieder ein Kfz im Straßenverkehr führen darf.

Auch wenn für einseitig Erblindete das Führen eines Kfz sogar auf Autobahnen grundsätzlich erlaubt ist: die hier empfohlenen besonderen Höchstgeschwindigkeiten von 100 km/h auf Autobahnen und Schnellstraßen bzw. 80 km/h auf Landstraßen sollten unbedingt eingehalten werden.

Regelungen für Lkw und Busse

Hinsichtlich des Führens von Lkw und Bussen gelten andere Vorschriften. Im Gegensatz zur Fahrerlaubnis der Klasse B (Pkw) ist ein Erwerb der Fahrerlaubnis für Lkw und Busse (Klassen C und D) mit nur einem Auge nämlich nicht möglich bzw. erlaubt. Betroffenen ist es also verboten, einäugig Lkw oder Bus zu fahren. Eine Sonderregelung gilt nur bei Erwerb der Fahrerlaubnis vor dem 31. Dezember 1998. Hier ist das Führen eines Lkw unter Umständen auch bei einseitiger Blindheit erlaubt. Die entsprechenden Vorschriften sind allerdings streng; unter anderem darf die zentrale Tagessehschärfe auf der gesunden Seite nicht weniger als 70 % betragen.

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Autofahren ohne Sehhilfe – Unfall verursacht?

Bei Unfällen, die durch das Nichttragen einer Sehhilfe (Brille, Kontaktlinsen) verursacht oder mitverursacht wurden, muss der Fahrer mit strafrechtlichen und/ oder zivilrechtlichen Konsequenzen rechnen.

Strafrechtlich ist der Tatbestand der Gefährdung des Straßenverkehrs gemäß § 315c Strafgesetzbuch (StGB) erfüllt. Dem Täter bzw. Fahrer droht eine Geldstrafe oder eine Freiheitsstrafe. Hat der Unfall einen Personenschaden zur Folge, macht sich der Fahrer zudem einer fahrlässigen Körperverletzung (§ 229 StGB) oder gar einer fahrlässigen Tötung (§ 222 StGB) schuldig. In beiden Fällen sieht der Gesetzgeber ebenfalls eine Geld- oder eine Freiheitsstrafe vor. Der Unfallfahrer muss darüber hinaus gegebenenfalls mit Schadensersatz- und Schmerzensgeldzahlungen bzw. -ansprüchen der geschädigten Personen rechnen.

Versicherungstechnische Konsequenzen

Gegebenenfalls erwarten den Fahrer auch Konsequenzen bezüglich der Versicherungsleistungen nach einem Unfall, bei dem entgegen den Vorschriften die Sehhilfe nicht getragen wurde. Für Schäden am gegnerischen Kraftfahrzeug kommt die Kfz-Haftpflichtversicherung auf; die Leistungen für Schäden am eigenen Kfz (Kaskoversicherung) können bei Fahrlässigkeit (das heißt, in diesem Fall bei Nichttragen einer Sehhilfe) jedoch verweigert werden. Der Unfallfahrer bleibt dann auf dem Schaden sitzen und muss die Kosten aus eigener Tasche zahlen.

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